»Der Geist gleicht dem Raum;
er hat die Natur des Raums. 
So wie der Raum
durchdringt er alles«

der Buddha, Mahakarunanirdesha-Sutra

Unser Meditationsraum

Eine buddhistische Pilgerstätte im Herzen von Wien

Gedanken zu einem wenig bekannten Aspekt unseres Meditationsraums, 
von Alexander Draszczyk.

Denkt man als Buddhist an Pilgerstätten, dann fallen einem in erster Linie Bodhgaya und ähnlich gesegnete Orte ein. An einem solchen Platz zu praktizieren ist wohl für jeden, der einmal Gelegenheit dazu hatte, eine unvergessliche Erfahrung, die einem deutlich macht, welchen Einfluss ein Ort, an dem der Buddha „präsent“ ist, auf die eigene Praxis haben kann.

Ist man dann wieder zuhause, kommen einem vielleicht Gedanken wie „Schade, dass Bodhgaya und die anderen wichtigen Pilgerstätten so weit weg sind. Wie gern wär’ ich jetzt an einem solchen Ort, an dem alles zur Praxis inspiriert“. Zwar heißt es, dass schon allein der Wunsch, sich an eine Pilgerstätte zu begeben, sehr verdienstvoll sei. Dennoch sollten wir nicht
übersehen, dass auch hier das berühmte „Wozu in die Ferne schweifen...“ gilt: in unserem Fall liegt das Gute vielleicht näher, als wir denken bzw. wissen.

Wir sind nämlich - hier in Wien - in der äußerst glücklichen Situation, „gleich ums Eck“ eine vollwertige buddhistische Pilgerstätte zu haben. Vielleicht ist es Einigen von uns schon einmal aufgefallen, dass uns im Zentrum die Praxis irgendwie leichter fällt, vielleicht auch eine andere Qualität hat. Einer der Gründe dafür liegt wahrscheinlich darin, dass auch unser Meditationsraum
(tib.: Lhakhang) eine vollwertige buddhistische Pilgerstätte ist.



Was macht eine solche Pilgerstätte aus? Neben jenen Orten, an denen sich Buddha Shakyamuni und spätere verwirklichte Meister aufgehalten haben und die so durch ihre Präsenz gesegnet wurden, gelten auch solche Plätze als authentische Pilgerstätten, an denen sich Symbole für Buddhas Körper, seine Rede und seinen Geist befinden, wobei diese natürlich in einer richtigen Art gesegnet sein müssen.

Diese Voraussetzungen erfüllt der Meditationsraum von Karma Kagyü Sangha auf jeden Fall. So befinden sich u. a folgende Symbole für Buddhas Köper in unserem Meditationsraum:

  • die große Buddha-Statue am Altar, die mit Mantra-Rollen, Mandalas und verschiedenen Reliquien von Rangjung Rigpe Dorje, dem 16. Gyalwa Karmapa, gefüllt ist
  • eine kleinere Buddha-Statue, die noch von Kalu Rinpoche gefüllt und gesegnet wurde
  • eine kleine Buddha-Statue, die der verstorbene 3. Jamgön Kongtrul Rinpoche anlässlich seines Wien-Besuchs im Jahr 1987 gefüllt und dem Zentrum geschenkt hat und
  • eine Statue der Weißen Tara, die Khenpo Chödrag Rinpoche dem Zentrum geschenkt hat und die unter anderem mit folgenden Reliquien gefüllt ist: kleine Pillen, die aus den sterblichen Überresten von Gampopa und Düsum Khyenpa, den 1. Karmapa, hergestellt wurden sowie Stücke der Robe und Haare vom 16. Karmapa 


Von den Thangkas (Rollbilder), die ebenfalls zu den Symbolen für Buddhas Körper zählen, sind hier vor allem zwei zu erwähnen, die beide von 17. Gyalwa Karmapa beschriftet und gesegnet wurden. Das eine Bild zeigt den Tausendarmigen Chenrezig, das andere den Vierarmigen.

Unter den Symbolen für Buddhas Rede, d. h. den Dharma, ist natürlich der Kangyur das wichtigste: der Druck dieser über hundert Bände umfassenden Sammlung der Lehrreden des Buddha wurde noch vom 16. Karmapa in Auftrag gegeben. 

Darüber hinaus befindet sich in unserem Lhakhang auch der Tengyur, eine über 200 Bände umfassende Sammlung späterer Kommentare buddhistischer Meister wie Nagarjuna, Asanga, Shantideva, Saraha, Naropa, Maitripa usw. Auch dieser Druck wurde noch vom 16. Karmapa in Auftrag gegeben.

Und schließlich tragen auch noch Textsammlungen verwirklichter Meister wie Milarepa, Gampopa, Pamo Drubpa, Jigten Sumgön, Butön, Shakya Chogden, Dolpopa, Karmapa Mikyö Dorje, Patrul Rinpoche, Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye oder Karmapa Khakhyab Dorje dazu bei, dass der Segen der Lehre hier wirklich vorhanden ist.

Als Symbol für den Geist des Buddha gelten Stupas, und auch hier steht etwas Besonderes in unserem Lhakhang: schließlich enthält unser Stupa, neben Mantra-Rollen, zahlreiche Stupa-förmige sog. Tsatsas aus Ton, die mit Knochenstückchen und Asche aus dem Kremations-Stupa des 16. Karmapa gefüllt sind.

Ein Ort, an dem solche Kostbarkeiten aufbewahrt werden, ist zweifellos eine Pilgerstätte,an der der Nutzen jeder Art von Praxis – ob Lernen, vertiefendes Nachdenken oder Meditation, aber auch Spenden, Opferungen Darbringen, Mitarbeiten usw. – in ihrer Wirkung enorm verstärkt wird. Natürlich ändern auch die großartigsten Reliquien nichts an der Tatsache, dass wir selbst praktizieren müssen, um auf dem Weg voranzukommen, uns von Samsara zu befreien und Erleuchtung zum Wohl aller Wesen zu erlangen. Aber die segensreiche Unterstützung, die Inspiration, als Gemeinschaft an einer solchen vollwertigen Pilgerstätte zu praktizieren, ist uns dabei eine wunderbare Hilfe.

In diesem Sinne: Bis bald, in unserer Pilgerstätte gleich ums Eck!